Lumas Edition

Seit 1991 ist Fotografie für Farin Urlaub auf seinen Reisen bevorzugtes Medium für die Auseinandersetzung mit den Mythen und Traditionen des jeweiligen Landes. Schon in seinem vielbeachteten umfangreichen Fotobuch über Indien und Bhutan gelang ihm eine virtuose Beobachtung von einer breitgefächerten und schillernden Kultur gepaart mit seinen detaillierten Tagebuchaufzeichnungen und Anekdoten.

Sein Stil ist vielfältig und die Motive von Japans heiligen buddhistischen Tempelgärten in Kyoto mit ihren als religiöse Refugien verehrten Bambuswäldern zeigen die Stille einer Landschaft jenseits der futuristisch anmutenden Städte. In Nahaufnahmen taucht er die zartgrünen, jungen Bambusstämme am Enkou-ji -Tempel in ein fragiles Dickicht aus Stämmen, das einem eigenen strengen Rhythmus zu folgen scheint. Die Farbigkeit der verschiedensten Jahreszeiten wird virtuos ausgereizt. Violette Töne von diffusem Herbstlicht im Bambuswald von Arashiyama treffen auf Schriftzeichen die in die Rinden geritzt sind und setzen besondere grafische Akzente.

Die Ästhetik der Aufnahmen von Farin Urlaub, dem Musiker der Punkrrockband „Die Ärzte“, korrespondiert mit dem Ideal asiatischer Malerei. Es entstehen Kompositionen von symbolischer Leichtigkeit. Schwebend anmutende Pagodendächer sind eingerahmt von einem pittoresken Szenario aus rotem Blättermeer, das sich zusätzlich auf der Wasseroberfläche eines Sees spiegelt. Das Zusammenspiel von Wasser, Felsen, Bäumen und Tempeln als ältestes Motiv der japanischen Tuschezeichnungen ist kongenial fotografisch umgesetzt.

Farin Urlaub setzt jedoch auch grafisch reduzierte Motive ein, wie den von magischer Atmosphäre charakterisierten, von roten Fahnenreihen gesäumten tunnelartigen Gang am Daigo Ji-Tempel. Letztendlich gliedern die auf dem Stoff schwarz schillernden Schriftzeichen die Szenerie zu einem poetischen Zusammenspiel von Raum und Fläche, Durchblicken und Aufsichten. Die Spanne der Motive reizt auch den europäisch-asiatische Blickwechsel auf traditionelle asiatische Rituale wie die bezaubernde traditionell geschmückten Geisha-Schülerin aus. Auf ihrer blendend weißgeschminkten Haut fällt vor allem der grafisch geschminkte Halsansatz auf. Respektvoll ist hier ein Porträt in Rückansicht entstanden.

Selbst der Alltag einer Metropole wie Tokio mit dem größten Fischmarkt der Welt ist für Farin Urlaub Fundgrube für ästhetische Momente und symbolische Ornamente, wie die übereinander in unterschiedlichsten Proportionen und Größen aufgeschichteten Tintenfische. Vor allem ihre weißen Saugnäpfe schillern als subtiles Punktespiel über violetten Kränzen aus Beingewirr.

Die gesamte Palette von japanischer Kultur, Ritualen und traditionellen Idealen wird in dieser fotografischen Serie zu einem breiten Spektrum faszinierender Motive ausgebreitet. Davon zeigt die Edition eine Auswahl, die Farin Urlaubs Gespür für den konzentrierten aber zurückhaltenden Blick demonstriert. Die gesamte Vielfalt seines Werkes und seiner eigenwilligen Ästhetik wird in seinem nächsten Buch noch umfangreicher dokumentiert.

Christina Wendenburg

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